Weniger Flugzeuge, schlechtere Wetterprognosen?

Derzeit hört man oft: Da wegen der Corona-Maßnahmen immer weniger Flugzeuge fliegen, gibt es immer weniger Wetterdaten aus höheren Luftschichten und daher wird die Wetterprognosen schlechter. Kann das stimmen? Ein Fall für unsere Rubrik „G´scheit angeben – für mehr Niveau im Wetter-Small-Talk“!

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Klar ist: Derzeit sind deutlich weniger Flugzeuge unterwegs. Aber welche Rolle spielen Flugzeuge beim Sammeln von Wetterdaten?

Verkehrsflugzeuge sind wichtig, um tagtäglich große Mengen an Wetterdaten aus verschiedenen Höhen der Atmosphäre zu erheben. Dabei geht es vor allem um Temperatur und Wind. Diese Daten von Flugzeugen helfen auch, um die Messungen von Satelliten zu überprüfen.

Zweitwichtigste Daten nach Satellitenmessungen

Wer nutzt diese Daten? Zum Beispiel alle Organisationen, die Wettervorhersagen berechnen.

Ein Beispiel: Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF), in Reading bei London, betreibt das weltweit beste Computermodell zur Berechnung des Wetters der nächsten zehn Tage auf der gesamten Erdkugel. Diese Vorhersagen werden in vielen Ländern verwendet, besonders in Europa.

Am ECMWF sind Messungen von Verkehrsflugzeugen die zweitwichtigste Quelle, um den aktuellen Zustand des Wetters zu ermitteln. Am wichtigsten sind Satellitenmessung, weil sie flächendeckend rund um die Uhr verfügbar sind.

Das ECMWF hat vor kurzem Zahlen veröffentlicht: Im März 2020 ist die Zahl der Wetterdaten von Flugzeugen in Europa um 65 Prozent zurückgegangen, weltweit um 42 Prozent (siehe Grafik). Es wird angenommen, dass auch in den nächsten Wochen auf rund 40 bis 60 Prozent der üblichen Flugzeugmeldungen verzichtet werden muss.

Zahl der täglichen Wettermeldungen von Flugzeugen über Europa von 3. bis 23. März 2020: ein Rückgang von 65 Prozent. Blau markiert die Zahl der Flugzeugmeldungen. Grün ist die Zahl der verwendeten Daten. Der Unterschied kommt zustande weil einige wegen schlechter Qualität oder nahezu gleichem Messort aussortiert werden. Credit: ECMWF

Die Auswirkungen auf die Wetterprognose

Was bedeuten das für die Wetterprognose?

Die großen Rechenzentren für Wettervorhersagemodelle, wie das ECWMF, testen immer wieder, welchen Einfluss die unterschiedlichen Datenquellen auf die Prognosen haben. Diese Untersuchungen zeigen: Ein völliger Wegfall von Flugzeugdaten verschlechtert vor allem die Vorhersage von Wind und Temperatur in Luftschichten um zehn Kilometer Höhe um rund 15 Prozent. Das gilt für die Vorhersage von 12 bis 24 Stunden und wird noch schlechter, je weiter man in die Zukunft geht.

Auf die Prognose am Boden wirkt sich das deutlich weniger aus. Zum Beispiel wird die Vorhersage des Luftdrucks in Bodennähe beim völlig Wegfall von Flugzeugdaten nur um drei Prozent schlechter.

Das heißt: In der normalen täglichen Wetterprognose werden wir den aktuellen Mangel an Flugzeugdaten nicht merken. Es wird also ganz sicher nicht plötzlich deutlich schlechtere Wetterprognosen für die nächsten Tagen geben.

Aber für einige andere Anwendungen, zum Beispiel für das Flugwetter, versucht man natürlich, die bestmöglichen Vorhersagen zu bekommen.

Und jetzt?

Da trifft es sich zum Beispiel gut, dass am ECMWF Im Jänner 2020 begonnen wurde, vermehrt Winddaten vom Spezial-Satelliten Aeolus in die Vorhersagen einzuarbeiten. Der Satellit wurde 2018 von der Europäischen Weltraumagentur ESA ins All geschossen und die Tests am ECMWF in den letzten Monaten zeigten den großen Nutzen der neuen Daten. Das kommt in der aktuellen Situation gerade recht.

Der Wetterballon: fast aus der Mode, aber noch immer wichtig

Außerdem gibt es noch ein paar andere Maßnahmen. Zum Beispiel hat EUMETNET, die Vereinigung von Europas staatlichen Wetterdiensten, seine Mitgliedsländer aufgerufen, mehr Aufstiege mit Wetterballons durchzuführen.

Bei so einem Radiosondenaufstieg (wie er richtig heißt) trägt ein Ballon Messgeräte für Temperatur, Luftfeuchte und Luftdruck bis in etwa 30 Kilometer Höhe. Aus GPS-Daten werden dabei auch die Windrichtung und die Windstärke in den verschiedenen Höhen ermittelt.

Die Wetterballons sind in den letzten Jahren immer weniger wichtig geworden und wurden auch deutlich reduziert. Ihr Nutzen lag vor allem darin, die Genauigkeit von Messungen mit Satelliten zu kontrollieren.

Aufstieg eines Wetterballons an der ZAMG in Wien im Rahmen einer Führung. Credit: ZAMG

ZAMG verdoppelt Aufstiege

Ab sofort sind die Wetterballons wieder ziemlich „in“.

Zum Beispiel hat in Österreich die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) die Zahl der Aufstiege mit Radiosonden in Wien verdoppelt. Zusätzlich zu den Terminen um 0 und 12 Uhr (Greenwich-Zeit), kommen jetzt auch 6 und 18 Uhr dazu. In anderen Staaten gibt es ähnlich Regelungen.

Langer Rede kurzer Sinn

Die wichtigsten Fakten zum „g´scheit Mitreden beim Wetter“ sind also:

  1. Derzeit fallen rund 40 bis 60 Prozent der Wetterdaten von Flugzeugmessungen weg.
  2. Aber selbst ein völliger Wegfall der Flugzeugdaten würde sich nicht so auswirken, dass es für den „Normalverbrauch“ plötzlich merkbar mehr Fehlprognosen gäbe.
  3. Die aktuellen Auswirkungen betreffen vor allem Prognosen in Luftschichten um zehn Kilometer Höhe, die um einige Prozent schlechter werden.
  4. Mit verschiedenen Maßnahmen wird der Ausfall von Flugzeugdaten derzeit kompensiert. Zum Beispiel mit zusätzlichen Satellitendaten und mit zusätzlichen Aufsteigen von Wetterballons.

Das war´s zum Thema „Weniger Flugzeuge, schlechtere Wetterprognosen?“

Vielen Dank für Deine Zeit mit der Wetterzeit!