Medicane: heftiger Wirbelsturm trifft Griechenland

Im Mittelmeer hat sich ein Medicane gebildet, ein hurrikan-artiges Sturmtief. Dieser Medicane betrifft Freitag und Samstag vor allem Griechenland, mit Orkanböen und enormen Regenmengen.

Wir sehen uns in diesem Wetterzeit-Beitrag an, wie heftig dieser Medicane wird, wie so ein Wirbelsturm im Mittelmeer entsteht und ob diese Stürme in den nächsten Jahren häufiger oder stärker werden.

Für viele Regionen Griechenlands gilt derzeit eine rote Wetterwarnung, die höchste Warnstufe. Eine rote Warnung kommt in Griechenland ungefähr zwei bis drei Mal im Jahr vor, ist also nicht ganz ungewöhnlich. Aber einige andere Fakten zeigen, dass der Medicane „Ianos“ ein besonderes Ereignis ist, berichtet mein Meteorologen-Kollege Panos Giannopoulos, der beim griechischen Wetterdienst arbeitet: „Zum ersten Mal überhaupt hat der griechische Zivilschutz eine Pressekonferenz anlässlich eines bevorstehenden Extremwetter-Ereignisses veranstaltet. Die Vorhersagen zeigen für den Großteil von Griechenland mehr als 200 Millimeter Regen von Freitag bis Samstag. Das ist sehr selten, aber dieses Tiefdruckgebiet ist auch sehr ungewöhnlich.“

Credit: Panos Giannopoulos

Panos Giannopoulos vom griechischen Wetterdienst:
„… Zum ersten Mal überhaupt hat der griechische Zivilschutz eine Pressekonferenz anlässlich eines bevorstehenden Extremwetter-Ereignisses veranstaltet …, dieses Tiefdruckgebiet ist sehr ungewöhnlich …“

In kurzer Zeit so viel Regen wie normal in einem gesamten Jahr

Die aktuellen Prognosen lassen für Griechenland verbreitet über 200 Millimeter Regen erwarten und stellenweise bei 400, vielleicht sogar 500 Millimeter. Zum Vergleich: In einem durchschnittlichen gesamten Jahr regnet es in Athen rund 420 Millimeter, in Wien und Berlin rund 600 Millimeter.

Somit sind in den nächsten Tagen in Griechenland Überschwemmungen, Sturzfluten und Muren zu erwarten.

Auch die Sturmböen werden extrem heftig sein. Die Vorhersagen gehen derzeit von Windspitzen von 150 bis knapp über 200 km/h aus. Außerdem entstehen während Medicanes manchmal Tornados.

Windspitzen bei 220 km/h möglich. Wie der Medicane Griechenland genau treffen wird, ist noch nicht ganz klar. Einige Modelle berechnen derzeit im Westen von Griechenland Böen über 200 km/h. Credit: windy.com

Genaue Zugbahn noch nicht sicher

Der genaue Weg des Wirbelsturms ist noch nicht klar, denn die verschiedenen Vorhersagemodelle zeigen etwas unterschiedliche Zugbahnen. Aber besonders die Süddhälfte von Griechenland dürfte betroffen sein.

Wetterwarnungen des griechischen Wetterdiensts für Freitag 18.9.2020. Stand 17.9.2020. Credit: meteoalarm.eu
Über 500 Millimeter Regen möglich: Je nachdem, wie gut die Vorhersagemodelle regionale Details auflösen, zeigen sie derzeit unterschiedliche Regenmengen. Mehr als 200 Millimeter Regen dürften in vielen Regionen zu erwarten sein. Vereinzelt könnten es sogar über 500 Millimeter sein. Credit: windy.com

Was ist ein Medicane?

Der Name Medicane ist ein Kunstwort. Er setzt sich aus „Mediterranean Sea“ (Mittelmeer) und „Hurricane“ (Hurrikan) zusammen. Ein Medicane sieht auf dem Satellitenbild wie ein Hurrikan aus: Ein mächtiger Wolkenwirbel, der sich gegen den Uhrzeigersinn dreht. In der Mitte befindet sich das „Auge“, also ein wolkenfreies Gebiet.

Aktuelles Bild von Medicane Ianos zwischen Süd-Italien und Griechenland. Das Satellitenbild vom 17.9.20 zeigt die hurrikan-artige Struktur mit einem „Auge“ in der Mitte. Credit: windy.com

Der Begriff Medicane entstand in den 1980er-Jahren. Damals etablierten sich Satellitenbilder immer mehr als wichtiges Hilfsmittel der Meteorologie. Auf Satellitenbildern des Mittelmeers sah man überraschenderweise – selten aber doch – Wolkenwirbel mit einem Auge und es entstanden die ersten wissenschaftlichen Studien zu diesem bisher unbekannten Phänomen. Nach und nach erkannte man die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen einem Medicane und einem Hurrikan. Aber auch heute gibt es noch einige Unklarheiten rund um diese relativ seltenen Wirbelstürme im Mittelmeer.

Die Entstehung: Kalt/Warm – Gewittersysteme – Medicane

Die Entstehung eines Medicanes lässt sich vereinfacht so erklären: Sie bilden sich besonders gerne im Herbst und im Winter. Wenn von Norden her ein Schwall kalter Luft nach Europa fließt, und es im Mittelmeer-Raum relativ warm ist, können über dem Mittelmeer heftige Gewittersysteme entstehen. In den Gewittern steigt massiv Luft nach oben (Aufsteigen ist Abkühlen und Kondensieren, daher regnet es hier), und am Boden entsteht eine Art Unterdruck (ein Tiefdruckgebiet). Aus der Umgebung strömt Luft nach um diesen Unterschied aufzufüllen. Durch die Drehung der Erde kann die Luft aber nicht gerade in die Gewittersystem strömen, sie wird abgelenkt. So entsteht allmählich ein sich drehender Wolkenwirbel. Verstärkt sich dieser Wirbel kann im Zentrum ein Bereich entstehen, in dem die Luft absinkt. Beim Absinken erwärmt sich die Luft und wird trockener. Daher verschwinden hier die Wolken und das Auge entsteht.

Selten und kleiner als ein Hurrikan oder ein normales Tief

Ein typischer Medicane hat einen Durchmesser von etwa 70 bis 200 Kilometer und existiert nur wenige Stunden oder maximal ein paar Tage. Er ist also deutlich kleiner und kurzlebiger als ein Hurrikan und erreicht auch maximal „nur“ die Stärke eines Hurrikans der Kategorie 1. Denn über dem Mittelmeer ist im Vergleich zu den riesigen Flächen des Atlantiks zu wenig Platz, damit sich ein System von der Größe eines großen Hurrikans entwickeln kann. Sobald der Medicane mit Land in Kontakt kommt, verliert er rasch an Stärke, so wie das auch mit einem Hurrikan nach dem Auftreffen an Land passiert.

Zur Häufigkeit findet man je nach Studie unterschiedliche Zahlen und die Statistiken reichen nicht weit zurück, weil Medicanes noch nicht so lange bekannt sind wie zum Beispiel Hurrikans. Grob kann man sagen: Im Mittelmeer gab es in den letzten 40 Jahren durchschnittlich alle ein bis zwei Jahre einen Medicane.

Werden Medicanes häufiger?

In den letzten Jahren haben sich einige Studie mit der Entwicklung von Medicanes in Vergangenheit und Zukunft beschäftigt. Da das Klima wärmer geworden ist und mit großer Wahrschenlichkeit auch weiterhin wärmer wird, könnte das einen Einfluss auf die Häufigkeit der Wirbelstürme im Mittelmeer haben. Ein Schwierigkeit bei diesen Untersuchungen ist, dass Medicanes sehr seltene und (verglichen mit normalen Tiefdruckgebieten) relativ kleine und kurzlebige Wetterphänomene sind. Unterschiedliche Studien mit unterschiedlichen Methoden brachten grob gesagt folgende Ergebnisse: Die Zahl der Medicanes könnte in den nächsten Jahrzehnten abnehmen, da ein wärmeres Klima nicht so oft die für die Bildung optimalen Wetterlagen zulässt. Aber: Die Stärke der Medicanes könnte in einem wärmeren Klima zunehmen. Denn je wärmer Luft ist, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Der aktuelle Stand der Wissenschaft ist also: In Zukunft dürfte es eher weniger Medicanes geben, die aber möglicherweise heftiger ausfallen.


Aktuelle Satellitenbilder, Prognosen und Infos zum aktuellen Medicane Ianos findet ihr zum Beispiel auf www.windy.com.