Die Eisheiligen: … denn sie wissen nicht, was sie tun

Pünktlich zu den Eisheiligen wird es an diesem Wochenende kalt. Zufall oder spannendes Phänomen? Die Daten der letzten 150 Jahre neu gecheckt: Die Eisheiligen kümmern sich nicht um den Kalender und nicht um Kalenderreformen. Wilde „Eiser“ sind sie auch nicht. Trotzdem helfen sie uns bei der Gartenplanung.

Sie gehören eindeutig zu den Promis unter den Bauernregeln: die Eisheiligen, von 12. bis 15. Mai (in einigen Regionen zählt auch der Mamertus-Tag am 11. Mai dazu).

„Pankrazi, Servazi, Bonifazi sind drei frostige Bazi. Und zum Schluss fehlt nie die kalte Sophie.“

Die wilde Bande der Eisheiligen: Illustration von Markus Dressler (Buch „Mythos Bauernregeln“, Verlag Pichler-Styria)

Was bisher geschah

Jedes Jahr Anfang Mai hören wir Meteorologen die Frage: „Kommen heuer wieder die Eisheiligen? Sollen wir mit dem Anbauen im Garten noch warten? Und: Stimmt es überhaupt, dass man bis zu den Eisheiligen mit Frost rechnen muss?“

Meine Antwort bisher war:

Erstens: Frost (also Temperaturen unter 0 °C) ist in den tiefen Lagen Österreichs im Mai relativ selten. Aber: Ganz vom (Garten-)Tisch wischen lassen sich die Eisheiligen nicht. Die Daten der ZAMG zeigen immerhin: In den letzten 20 Jahren gab es zum Beispiel in Innsbruck, St. Pölten und in Klagenfurt durchschnittlich jedes zweite Jahr zumindest ein Mal Bodenfrost im Mai. In Wien, Salzburg und Eisenstadt gab es Frostnächte im Mai durchschnittlich alle vier bis fünf Jahre, in Bregenz alle sechs bis sieben Jahre, in Graz alle zehn Jahre. Am Flughafen Linz-Hörsching wurde in den letzten 20 Jahren nur ein einziges Mal im Mai Bodenfrost gemessen.

Drittens (und das werden wir gleich korrigieren): Untersuchen wir nicht Frost sondern allgemein Kaltlufteinbrüche im Mai, gibt es eine interessante Besonderheit: Überdurchschnittlich viele Kaltlufteinbrüche sind in den Temperaturkurven nicht zu den Eisheiligen zu sehen, sondern zehn Tage später. Ein Grund könnte sein (so bisher die Argumentation von uns bauernregelfreundlichen Meteorologen und Meteorologinnen): Bei der Gregorianischen Kalenderreform Ende des 16. Jahrhunderts wurden zehn Tage gestrichen. So könnten die Eisheiligen im Kalender verrutscht sein. Bild x zeigt schön die Delle in der Temperaturkurve einiger Landeshauptstädte. Ich habe damit auch in meinem Buch „Mythos Bauernregeln“ argumentiert.

Aber: Die Eisheiligen haben keinen Plan

In den letzten Jahren kommt außerdem öfter Frage: „Stimmen durch den Klimawandel einige Bauernregeln nicht mehr so gut?“.

Dazu muss man sagen: Wetterprognosen mit Bauernregeln haben prinzipiell eine sehr schlechte Trefferquote. Roland Potzmann von der ZAMG hat für „Mythos Bauernregeln“ 100 Bauernregeln durch die Klimadatenbank gejagt und für verschiedene Regionen Österreichs meteorologisch geprüft. Die Trefferquote ist meistens kaum besser als reines Raten (50 Prozent).

Aber: Hinter einigen Regeln steckt eine gute meteorologische Idee und ich finde, es macht Sinn und Spaß, sich damit zu beschäftigen.

Daher habe ich mich erneut mit den Klimadaten der letzten rund 150 Jahre gespielt. Das Ergebnis: Auch wenn wir nicht nach Frost sondern nur nach Kaltlufteinbrüchen suchen, gilt: Die Eisheiligen haben mit dem Zeitraum 12. bis 15. Mai nichts zu tun, und sie können auch nicht durch eine Kalenderreform verschoben worden sein. Sehen wir uns das genauer an:

Mit den Eisheiligen durch die Jahrhunderte

Abblidung 1. Credit: ZAMG

Bisher haben wir für Fragen der Eisheiligen gerne Grafiken wie die Abbildung 1 verwendet. Sie zeigt den typischen Temperaturverlauf in einem Mai. Für „typisch“ verwendet man in der Meteorologie gerne den Durchschnitt aus 30 Jahren (Klimamittel). Zum Beispiel berechnet man für 30 Jahre eine durchschnittliche Temperatur für den 1. Mai, für den 2. Mai, und so weiter.

Wir sehen auf dieser Grafik: Im Mai wird es prinzipiell immer wärmer. Aber rund um den 22. Mai gibt es eine Delle. Hier gab es offensichtlich in vielen Jahren einen Kaltlufteinbruch. Diese Delle zeigt sich für alle häufig verwendeten Klimaperioden der letzten Jahrzehnte (1961 bis 1990, 1971 bis 2000, 1981 bis 2010) und sie war der Grund für Begründung einer Verschiebung der Eisheiligen durch die Gregorianische Kalenderreform.

Aber was passiert, wenn wir weiter zurück in der Vergangenheit und auch etwas mehr in die Gegenwart schauen?

Hier die Ergebnisse mit ZAMG-Daten für die Wetterstation Wien Hohe Warte:

Zeitraum 1872 bis 1900 (1872 beginnt die Messreihe Wien Hohe Warte): Ende der 1800er-Jahre ging es in einem durchschnittlichen Mai mit der Temperatur steil nach oben. Es gibt nur ein minimales Anzeichen für Kaltlufteinbrüche zu den Eisheiligen und keine „Delle“ zehn Tage später. Ähnliche schwache Abkühlungen gibt es außerdem zu anderen Zeiten. Fazit: Nichts, was zwingend nach Eisheiligen zu einem bestimmten Termin aussieht.

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Zeitraum 1901 bis 1930: Auch Anfang der 1900er-Jahre ging es in einem durchschnittlichen Mai mit der Temperatur steil nach oben. Es gibt nur ein minimales Anzeichen für Kaltlufteinbrüche zu den Eisheiligen und keine Auffälligkeit zehn Tage später. Außerdem gibt es auch hier zu anderen Terminen leichte Abkühlungen, wie um den 11. und um den 20. Mai. Fazit: Nichts, was zwingend nach Eisheiligen zu einem bestimmten Termin aussieht.

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Zeitraum 1931 bis 1960: Auch hier wird es im Mai immer wärmer. Kleinere Abkühlungen zu verschiedenen Terminen unterbrechen die Erwärmung, wie das im Frühling bei uns so ist. Fazit: Nichts, was zwingend nach Eisheiligen zu einem bestimmten Termin aussieht.

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Zeitraum 1961 bis 1990: Hier gibt es zwei markante Abkühlungen: Eine kleinere vor den Eisheiligen und eine deutliche zehn Tage später. Fazit: 1961 bis 1990 ist die erste dieser Klimaperioden, die einen Vorliebe zu markanten Kaltlufteinbrüchen in einem relativ engen Zeitraum zeigt. Damit wird es eng für 1) die Theorie der schlauen Eisheiligen und 2) die Theorie der verschobenen Eisheiligen. Denn dieses Signal taucht rund 400 Jahre nach der Gregorianischen Kalenderreform und rund 100 nach Beginn der Messungen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf.

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Noch etwas zur obigen Grafik: Man könnte die Kurve auch anders sehen. Denn zu den Terminen der Abkühlung ist es im Vergleich zu den vorigen Jahrzehnten gar nicht so besonders kalt. Aber: Es wird im Mai hier schon viel früher und deutlicher wärmer. Hier zeigt sich bereits deutlich die Klimaerwärmung. „Normale“ Kaltluft aus dem Norden wirkt daher kälter als früher.

1991 bis 2018: Eine markante Abkühlung Anfang Mai und eine ungefähr zur Zeit der Eisheiligen. Und auch hier gilt: Es ist im Mai insgesamt deutlich wärmer geworden. Selbst in den „Kälte-Dellen“ ist es deutlich wärmer als früher. Fazit: Keine Abkühlung zu den „Gregorianischen Eisheiligen“. Aber Fans könnten singen:

„Eisheilige are coming home!“

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Was will uns der Autor damit sagen…

… wie es in der Schule so schön geheißen hat.

1. Kaltlufteinbrüche sind im Mai normal. Sie dürften aber keine Vorliebe für einen bestimmten Zeitraum haben.

2. Die Idee – dass unsere Vorfahren die Zeit der Kaltlufteinbrüche richtig erkannt haben und dieser Zeitpunkt durch die Gregorianische Kalenderreform um zehn Tage nach hinten gerutscht ist – ist nett, dürfte aber falsch sein. Denn von allen untersuchten Zeiträumen kommt die „späte Delle“ nur in der Auswertung von 1961 bis 1990 vor.

3. Aus anderen Auswertungen wissen wir: Kaltlufteinbrüche sind im Mai normal, aber sie bringen nur alle paar Jahre Frost auch in tiefen Lagen. Für Frost gilt im Mai allgemein: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist in der ersten Maihälfte größer, als in der zweiten, weil die Sonne im Laufe des Monats deutlich kräftiger wird.

Der Mai hat sich deutlich geändert

Die Grafiken zeigen aber auch etwas anderes sehr schön: Vergleicht man das Ende der 1800er-Jahre mit der Gegenwart, sehen wir, dass es im Mai massiv wärmer geworden ist und sich der Anstieg der Temperaturkurve deutlich geändert hat.

Credit: ZAMG/wetterzeit.at

Im Zeitraum 1871-1900 begann ein typischer Mai mit einem Tagesmittel (Mittel von Tag- und Nachttemperatur) von ungefähr 12,0 °C und endete mit ungefähr 16,5 °C.

Mittlerweile (Zeitraum ab 1991) hat es in einem typischen Mai zu Beginn zwischen ca. 15 und 16  °C und am Ende knapp 18 °C.

Außerdem: Früher ging die Kurve steil nach oben. Der Mai begann also kalt und wurde allmählich wärmer. Mittlerweile ist die Kurve deutlich flacher. Das heißt: Da der Mai insgesamt deutlich wärmer geworden ist, ist der Übergang in den Sommermonat Juni nicht mehr so markant.

Trotzdem nutzen uns die „drei frostigen Bazi“

Trotz allem finde ich: Für die Planung im Garten haben die Eisheiligen immer noch einen Nutzen. Sie sollten uns eine Warnung sein, dass auch in einem immer wärmeren Klima Kaltlufteinbrüche im Mai normal sind. Und dass – selten aber immerhin doch alle paar Jahre – auch im Mai in den tiefen Lagen Österreichs noch Frost dabei sein kann.

Denn die Klimaerwärmung lässt den Frühling zwar immer früher beginnen und die Pflanzen immer früher austreiben. Aber trotzdem besteht der Frühling weiterhin aus dem Kampf der Luftmassen: der Sommer, der langsam von Süden heranrückt gegen den Winter, der sich noch nicht endgültig in den hohen Norden verabschieden will.

So gesehen ist der Titel dieses Blogs eigentlich falsch. Richtig müsste es heißen:

Statt „Die Eisheiligen: … denn sie wissen nicht, was sie tun“

müsste es heißen

Die Eisheiligen: … denn sie wissen nicht, wann sie es tun“

Der heurige Mai ist der beste Beweis dafür. Denn heuer folgt nach „Die Eisheiligen I“ ab Sonntag „Die Eisheiligen II: Die Fete geht weiter“ und – wer weiß – vielleicht sogar „Die Eisheiligen III: Ice Age – voll verschoben“